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Anwaltsprüfung nicht bestanden? Warum das kein Scheitern sein muss

  • Oliver Streiff
  • 3. Juli 2024
  • 6 Min. Lesezeit

Die Anwaltsprüfung nicht zu bestehen, ist für viele angehende Anwältinnen und Anwälte ein harter Einschnitt. Man hat monatelang gelernt, verzichtet, gehofft, sich vorbereitet – und steht nach dem negativen Entscheid plötzlich vor der Frage: Was jetzt?


Viele erleben in dieser Situation Enttäuschung, Scham, Ärger, Selbstzweifel oder sogar eine kleine berufliche Krise. Das ist verständlich. Die Anwaltsprüfung ist nicht irgendeine Prüfung. Sie steht symbolisch für den Eintritt in einen Beruf, für Anerkennung, Selbstständigkeit, berufliche Zukunft und manchmal auch für den eigenen Selbstwert.


Und dennoch: Eine nicht bestandene Anwaltsprüfung bedeutet nicht, dass du ungeeignet bist. Sie bedeutet zunächst nur, dass an einer oder mehreren Stellen etwas noch nicht optimal zusammengewirkt hat.


Aus meiner Erfahrung im Prüfungs- und Mental-Coaching für Juristinnen und Juristen zeigt sich immer wieder: Häufig liegt das Problem nicht nur im juristischen Wissen. Entscheidend sind meist drei Ebenen:

Wollen. Können. Dürfen.

Diese drei Bereiche entscheiden oft darüber, ob das vorhandene Wissen in der Prüfung tatsächlich abrufbar wird.


1. Wollen: Motivation, Energie und innere Ausrichtung

Die erste Ebene betrifft das Wollen. Damit meine ich nicht bloss Disziplin oder Fleiss. Viele Kandidatinnen und Kandidaten lernen sehr viel, teilweise sogar zu viel. Aber sie verlieren unterwegs den inneren Bezug zur Frage:


Warum mache ich diese Prüfung eigentlich?


Geht es um den Anwaltsberuf? Um Unabhängigkeit? Um eine bestimmte berufliche Perspektive? Um Anerkennung? Um einen nächsten Schritt in der eigenen Laufbahn?

Wer keine klare innere Ausrichtung hat, lernt oft mechanisch. Man arbeitet Lernpläne ab, wiederholt Stoff, optimiert Unterlagen, erstellt Zusammenfassungen – aber innerlich fehlt der Zug nach vorne.

Gerade nach einem Misserfolg ist es wichtig, nicht einfach «mehr vom Gleichen» zu machen. Noch mehr lernen, noch längere Tage, noch mehr Druck – das führt selten zu einer echten Verbesserung. Viel hilfreicher ist eine ehrliche Standortbestimmung:


  • Was hat mich getragen?

  • Was hat mich blockiert?

  • Wo habe ich Energie verloren?

  • Welche Art von Vorbereitung passt wirklich zu mir?

  • Was ist mein klares Zielbild für den nächsten Versuch?


Ein häufiger Fehler in der Lernphase ist Perfektionismus. Viele wollen alles vollständig, sauber und lückenlos beherrschen. Doch die Anwaltsprüfung verlangt nicht nur Wissen, sondern auch Entscheidungsfähigkeit, Priorisierung, juristische Argumentation und innere Stabilität.

Manchmal ist ein guter, konsequent umgesetzter Lernplan wertvoller als der perfekte Plan, der ständig angepasst wird.


2. Können: Juristisches Denken, Struktur und Auftreten


Die zweite Ebene ist das Können. Dazu gehören juristisches Wissen, Fallbearbeitung, Argumentation, Sprache, Struktur und ein sicherer Auftritt – besonders in der mündlichen Prüfung.


Natürlich braucht es eine solide fachliche Vorbereitung. Ohne juristisches Fundament geht es nicht. Aber viele Kandidatinnen und Kandidaten unterschätzen, dass die Prüfung nicht nur ein Wissenstest ist. Sie ist auch eine berufliche Eignungssituation.


Prüferinnen und Prüfer wollen sehen, ob jemand juristisch denken, einen Sachverhalt erfassen, Schwerpunkte setzen, argumentieren und eine vertretbare Position einnehmen kann.

Ein häufiger Fehler ist, zu stark ins Detail zu gehen. Man verliert sich in Nebenaspekten, möchte alles absichern und kommt nicht klar zum Punkt. Oder man wartet innerlich auf die perfekte Antwort – und sagt deshalb zu wenig.


Gerade in der mündlichen Prüfung gilt:


Denke laut. Strukturiere sichtbar. Ziehe ein Fazit.


Es ist oft besser, eine vertretbare Überlegung klar zu formulieren, als lange nach der absolut perfekten Antwort zu suchen. Juristische Prüfungskompetenz zeigt sich nicht darin, jedes Detail auswendig zu kennen. Sie zeigt sich darin, unter Druck methodisch, ruhig und nachvollziehbar zu arbeiten.


Auch der Auftritt ist wichtig. Wer freundlich, klar, präsent und auf Augenhöhe kommuniziert, wirkt anders als jemand, der sich innerlich klein macht oder defensiv antwortet.

Das lässt sich üben. Prüfungssimulationen, lautes Denken, Argumentationstraining und Feedback können enorm helfen – nicht nur für die Prüfung, sondern auch für den späteren Berufseinstieg.


3. Dürfen: Selbstvertrauen, innere Erlaubnis und Umgang mit Druck


Die dritte Ebene ist oft die tiefste: das Dürfen.


  • Darf ich erfolgreich sein?

  • Darf ich mich zeigen?

  • Darf ich eine Meinung vertreten?

  • Darf ich auch einmal nicht perfekt sein?

  • Darf ich bestehen?


Das klingt auf den ersten Blick vielleicht ungewohnt. In der Praxis zeigt sich aber: Viele fachlich starke Kandidatinnen und Kandidaten stehen sich innerlich selbst im Weg.


Sie haben hohe Ansprüche, einen starken inneren Kritiker, Angst vor Bewertung oder das Gefühl, nicht wirklich dazuzugehören. In der Prüfungssituation wird das verstärkt. Der Körper ist angespannt, die Gedanken kreisen, die Stimme wird unsicher, das Wissen ist zwar vorhanden, aber nicht mehr frei abrufbar.


Typische innere Sätze sind:


  • «Ich schaffe das nicht.»

  • «Die anderen sind besser.»

  • «Ich darf keinen Fehler machen.»

  • «Wenn ich wieder nicht bestehe, ist alles vorbei.»

  • «Ich bin nicht gemacht für diesen Beruf.»


Solche Gedanken sind nicht einfach nur unangenehm. Sie beeinflussen Konzentration, Auftreten, Schlaf, Lernverhalten und Entscheidungsfähigkeit.

Ein gutes Mental-Coaching setzt deshalb nicht nur an Lerntechniken an, sondern auch an innerer Sicherheit, Selbstregulation und Selbstvertrauen. Ziel ist nicht, die Prüfung schönzureden. Ziel ist, dich so vorzubereiten, dass du auch unter Druck handlungsfähig bleibst.


Warum viele beim zweiten Versuch falsch ansetzen


Nach einer nicht bestandenen Anwaltsprüfung ist der erste Impuls oft: mehr lernen, härter arbeiten, weniger Pausen machen, alles nochmals gründlicher aufarbeiten.

Das kann in einzelnen Fällen richtig sein. Häufig reicht es aber nicht.

Wenn die Ursache zum Beispiel Prüfungsangst, Überforderung, fehlende Struktur, ein unsicherer Auftritt oder ein blockierender Perfektionismus war, dann löst mehr Lernzeit das eigentliche Problem nicht. Im Gegenteil: Der Druck kann sogar steigen.

Deshalb ist nach einem negativen Prüfungsentscheid eine ruhige Analyse wichtig:


  • Lag es am Wissen?

  • Lag es an der Falltechnik?

  • Lag es an der mündlichen Darstellung?

  • Lag es an Nervosität oder Blackout?

  • Lag es an Erschöpfung?

  • Lag es an fehlender innerer Sicherheit?

  • Lag es an einer ungünstigen Lernstrategie?


Erst wenn diese Fragen ehrlich beantwortet sind, kann die Vorbereitung auf den nächsten Versuch wirklich gezielt beginnen.


Was ein Coaching nach nicht bestandener Anwaltsprüfung leisten kann


Ein Prüfungs- und Mental-Coaching kann helfen, den Misserfolg einzuordnen und daraus einen konkreten Neustart zu entwickeln.

Dabei geht es nicht darum, dir allgemeine Durchhalteparolen zu geben. Es geht um eine saubere Standortbestimmung und um konkrete Veränderung.


Mögliche Themen im Coaching sind:


Lernstruktur: Wie planst du realistisch, ohne dich zu überfordern?

Prüfungsstrategie: Wie gehst du mit unbekannten Fragen oder schwierigen Sachverhalten um?Auftritt: Wie wirkst du klarer, ruhiger und überzeugender?

Prüfungsangst: Wie regulierst du Anspannung, Nervosität und blockierende Gedanken?Selbstvertrauen: Wie stärkst du deine innere Haltung vor dem nächsten Versuch?Perfektionismus: Wie lernst du ausreichend gut statt erschöpfend perfekt?Berufliche Ausrichtung: Warum willst du diesen Weg gehen – und wie soll er zu dir passen?

Gerade die Verbindung von juristischer Erfahrung und Coaching ist hier wertvoll. Denn die Anwaltsprüfung ist fachlich, mental und persönlich anspruchsvoll. Wer nur auf Wissen setzt, übersieht oft einen entscheidenden Teil.


Die Anwaltsprüfung als Entwicklungsschritt


So unangenehm ein Nichtbestehen ist: Es kann auch ein Wendepunkt sein.

Viele Kandidatinnen und Kandidaten lernen in dieser Phase mehr über sich selbst als in der gesamten vorherigen Ausbildung. Sie erkennen, wie sie mit Druck umgehen, wie sie lernen, wie sie sich zeigen, wie sie mit Fehlern umgehen und welche inneren Muster sie begrenzen.

Das ist nicht nur für die Prüfung wichtig. Es ist auch für den Anwaltsberuf zentral.

Denn auch später wirst du mit Druck, Unsicherheit, Konflikten, Verantwortung, schwierigen Gesprächen und hohen Erwartungen umgehen müssen. Die Fähigkeit, innerlich ruhig, klar und handlungsfähig zu bleiben, ist eine berufliche Kernkompetenz.

In diesem Sinn kann die Vorbereitung auf den zweiten Versuch mehr sein als blosse Prüfungsvorbereitung. Sie kann ein persönlicher und beruflicher Reifungsschritt sein.


Fazit: Nicht bestanden heisst nicht ungeeignet


Wenn du die Anwaltsprüfung nicht bestanden hast, darfst du enttäuscht sein. Aber du solltest daraus nicht vorschnell den Schluss ziehen, dass du nicht geeignet bist.

Viel wichtiger ist die Frage:


Was genau hat gefehlt – und was brauchst du jetzt für den nächsten Schritt?


Manchmal braucht es mehr Fachwissen. Manchmal bessere Falltechnik. Manchmal mehr Struktur. Manchmal weniger Perfektionismus. Manchmal mehr Ruhe, Selbstvertrauen und innere Erlaubnis.

Oft ist es eine Kombination.

Wenn du deine nächste Vorbereitung bewusster, klarer und stabiler angehen möchtest, kann ein gezieltes Coaching sehr hilfreich sein. Nicht, weil du es allein nicht kannst. Sondern weil es klug ist, eine anspruchsvolle Prüfung nicht nur mit Druck, sondern mit Strategie, Selbstkenntnis und innerer Stärke anzugehen.


Call-to-Action


Wenn du die Anwaltsprüfung nicht bestanden hast oder merkst, dass dich Prüfungsangst, Selbstzweifel oder Druck blockieren, unterstütze ich dich gerne.

Als Rechtsanwalt, nebenamtlicher Richter und Coach kenne ich sowohl die juristische Praxis als auch die mentalen Herausforderungen der Prüfungsvorbereitung.

Vereinbare gerne ein unverbindliches Erstgespräch. Gemeinsam schauen wir, wo du stehst, was dich blockiert und wie du deinen nächsten Versuch klarer, ruhiger und wirksamer vorbereiten kannst.


Alles Wissenswerte zum Prüfungs-Coaching, meiner Person, dem Honorar sowie Kundenreferenzen findest du auf der Homepage: Mental-Coaching Anwaltsprüfung | Topp Coaching für angehende Anwälte.


Ich freue mich, von dir zu hören.

Oliver Streiff, Rechtsanwalt, Richter, Business-Coach; Anwaltsprüfung nicht bestanden – typische Fehler sowie Lösungen für die Lernphase sowie für den Prüfungstag | Topp Coaching


Weitere Themen zur Anwaltsprüfung, Juristen-Coaching und berufliche Entwicklung:

  1. Mental-Coaching für die Anwaltsprüfung

  2. Prüfungsangst, Lampenfieber und Redeangst überwinden

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