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Nicht jeder Fehler verdient eine lebenslange Strafe - Selbstvergebung für Anwälte und Anwältinnen

  • Oliver Streiff
  • 12. Aug.
  • 4 Min. Lesezeit

Warum Selbstvergebung für Anwältinnen und Anwälte der Beginn eines neuen Lebensabschnitts sein kann


"Der Prozess oder Vergleich ist längst abgeschlossen. Die Akten stehen im Archiv. Und dennoch kehrt ein Gedanke immer wieder zurück: Hätte ich damals anders entscheiden bzw. handeln sollen?"

Anwälte und Anwältinnen tragen täglich Verantwortung. Sie beraten, vertreten, entscheiden und tragen oft das Schicksal anderer Menschen ein Stück weit mit. Nach außen wirken sie souverän und belastbar. Doch hinter der professionellen Fassade begegnen mir als langjähriger Rechtsanwalt, nebenamtlicher Richter und Coach immer wieder Menschen, die etwas mit sich tragen, worüber kaum gesprochen wird:


Sie können sich selbst nicht vergeben.

Es sind nicht immer die großen Fehler, die belasten. Manchmal ist es eine verpasste Chance. Eine Entscheidung, die heute anders getroffen würde. Ein beruflicher Traum, der nie Wirklichkeit wurde. Eine Beziehung, die unter den Anforderungen des Berufs zerbrach oder leidet. Oder die Frage, ob man einem Mandanten wirklich gerecht geworden ist.

Die Vergangenheit lässt sich nicht ändern. Aber unser Verhältnis zu ihr schon.


Der schwierigste Richter sitzt oft in uns selbst


Juristinnen und Juristen lernen früh, genau hinzusehen.

Wir prüfen.

Wir wägen ab.

Wir erkennen Risiken.

Wir suchen nach Fehlern.

Diese Fähigkeiten machen unseren Beruf aus.

Doch dieselben Fähigkeiten können sich gegen uns richten.

Plötzlich führen wir den strengsten Prozess unseres Lebens – gegen uns selbst.

Wir sammeln Beweise für unser Versagen.

Wir rekonstruieren alte Entscheidungen immer wieder.


Wir halten an einem Urteil fest, das nie rechtskräftig werden darf:


„Ich hätte es besser wissen müssen."

Der innere Richter kennt keine Verjährung.


Fehler gehören zum Leben


Fehler sind kein Zeichen persönlicher Schwäche.

Sie gehören zum Menschsein.

Jeder Mensch trifft Entscheidungen auf der Grundlage dessen, was er damals wusste, konnte und wahrnahm.

Im Rückblick sind wir fast immer klüger.

Auch verpasste Chancen gehören zum Leben.

Fast jeder Mensch kennt den Gedanken:


"Hätte ich doch damals..."

Solche Gedanken sind normal. Sie zeigen, dass wir unser Leben ernst nehmen.


Wenn ein Fehler Sie länger verfolgt


Entscheidend ist deshalb nicht, dass Sie einen Fehler gemacht oder eine Chance verpasst haben.

Entscheidend ist, was danach geschieht.

Beschäftigt Sie ein Ereignis noch nach Jahren oder sogar Jahrzehnten, dann geht es häufig nicht mehr nur um den damaligen Fehler.

Der Fehler ist oft nur die sichtbare Spitze des Eisbergs.

Vielleicht berührt er die Angst, nicht gut genug zu sein.

Vielleicht erinnert er an hohe Erwartungen, die Sie an sich selbst stellen.

Vielleicht steht er für einen Abschied, den Sie innerlich nie vollzogen haben.

Vielleicht begleitet Sie seit vielen Jahren der Glaubenssatz:


„Ich darf keine Fehler machen."

In solchen Fällen ist der Fehler nicht das eigentliche Problem.

Er ist ein Wegweiser.

Er zeigt auf ein tiefer liegendes Thema, das gesehen und verstanden werden möchte.

Nicht der damalige Fehler hält uns gefangen.

Sondern die Bedeutung, die wir ihm bis heute geben.


Die Fehler, über die kaum jemand spricht


Viele Juristinnen und Juristen und Anwältinnen und Anwälte kennen Gedanken wie:


  • Die Anwaltsprüfung hätte besser laufen müssen.

  • Ich hätte diese Kanzlei nie verlassen dürfen.

  • Ich hätte den Richterposten annehmen sollen.

  • Diesen Prozess hätte ich gewinnen müssen.

  • Ich habe meiner Familie zu wenig Zeit geschenkt.

  • Diesen Mandanten würde ich heute anders beraten.

  • Diese Entscheidung bereue ich bis heute.


Nach außen spricht kaum jemand darüber. Innerlich beschäftigen solche Gedanken manche Menschen jahrelang.


Warum Loslassen so schwerfällt


Perfektionismus ist im juristischen Beruf oft eine Stärke.

Er schützt Mandanten.

Er erhöht die Qualität.

Er schafft Vertrauen.

Doch Perfektionismus hat eine Schattenseite.

Wer glaubt, niemals Fehler machen zu dürfen, beginnt irgendwann, sich selbst an einem unmenschlichen Maßstab zu messen.

Aus einem Fehler wird dann keine Erfahrung.

Er wird zu einer Identität.

Nicht mehr:

"Ich habe einen Fehler gemacht."

Sondern:

"Ich bin der Fehler."

Genau an diesem Punkt beginnt unnötiges Leiden.


Vergebung bedeutet nicht, den Fehler gutzuheißen


Viele Menschen verbinden Vergebung mit Nachsicht oder Vergessen.

Darum geht es nicht.

Selbstvergebung bedeutet nicht, Verantwortung abzulehnen.

Sie bedeutet vielmehr:

Ja, ich hätte manches anders machen können.

Ja, ich übernehme Verantwortung für mein Handeln.

Und dennoch entscheide ich mich, mein gesamtes Leben nicht länger von diesem einen Kapitel bestimmen zu lassen.

Das ist kein Freispruch.

Es ist ein Akt innerer Freiheit.


Abschied von alten Lebensentwürfen


Manchmal müssen wir nicht nur Menschen verabschieden.

Sondern auch:

  • einen nie verwirklichten Traum,

  • eine berufliche Vorstellung,

  • das Bild des perfekten Juristen,

  • den Wunsch, alles kontrollieren zu können,

  • oder die Hoffnung, die Vergangenheit noch ändern zu können.

Abschied ist schmerzhaft.

Aber erst durch ihn entsteht Raum für Neues.


Die eigentliche Stärke


In meiner langjährigen Tätigkeit als Rechtsanwalt, ehemaliger Richter und Coach habe ich viele erfolgreiche Menschen begleitet.

Keiner von ihnen war fehlerfrei.

Diejenigen, die innerlich gewachsen sind, verbindet etwas anderes:

Sie haben irgendwann aufgehört, sich lebenslang für ihre Vergangenheit zu bestrafen.

Sie haben erkannt, dass ihre Würde nicht von einem einzelnen Urteil, einer verlorenen Verhandlung oder einer verpassten Chance abhängt.

Gerade Krisen und Umwege wurden oft zum Beginn einer neuen Entwicklung.

Vielleicht gilt das auch für Sie.



Schlussgedanken


Als Jurist oder Juristin oder Anwältin oder Anwalt wissen Sie, dass kein Urteil ohne sorgfältige Prüfung gefällt werden sollte.

Warum urteilen wir dann über uns selbst oft so schnell – und so endgültig?

Vielleicht ist die Zeit gekommen, den eigenen Fall noch einmal neu zu betrachten.

Nicht, um den Fehler zu leugnen.

Nicht, um Verantwortung abzugeben.

Sondern um zu erkennen, dass kein Mensch auf einen einzigen Moment seines Lebens reduziert werden darf.

Nicht jeder Fehler verdient eine lebenslange Strafe.

Manche Fehler werden zu Lehrern.

Manche Niederlagen werden zu Wegweisern.

Und manche Abschiede öffnen die Tür zu einem Leben, das wir uns vorher nicht vorstellen konnten.

Vielleicht beginnt genau dort Ihr nächstes Kapitel.


Einladung


Wenn Sie sich in diesen Gedanken wiedergefunden haben, sind Sie damit nicht allein.

Viele Anwältinnen und Anwälte tragen Fragen mit sich, über die im Berufsalltag kaum gesprochen wird: Selbstzweifel, Perfektionismus, Schuldgefühle, verpasste Chancen oder der schwierige Abschied von einem Lebensentwurf.

In meinem persönlichen Coaching sowie in den Wochenendseminaren schaffen wir einen geschützten Raum, um diesen Themen mit Klarheit, Respekt und neuen Perspektiven zu begegnen. Nicht mit schnellen Lösungen, sondern mit einer Arbeitsweise, die den Menschen hinter dem Problem sieht.


Denn das, was uns am längsten belastet, ist oft nicht das eigentliche Problem, sondern der Hinweis auf etwas Tieferes, das verstanden werden möchte.

Wenn Sie mehr über mein Coaching oder die Seminare für Juristinnen und Juristen und Anwältinnen und Anwälte erfahren möchten, besuchen Sie:

Oder informieren Sie sich über die Seminarangebote auf:


Ich freue mich darauf, Sie auf Ihrem weiteren Weg begleiten zu dürfen.


Der Hammer symbolisiert das Ende der Selbstzweifel, Selbstverurteilung bei Fehlern oder verpassten Chancen im Beruf als Anwalt oder Anwältin

Selbstvergebung Anwalt Anwältin

 
 
 

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